Mehr Schein als Sein – Bundesländer und ihre zukünftige Kultur

Joerg LoewerBei den Neuigkeiten zur Theaterkrise geht es nicht mehr um das WAS und WIESO (bleibt immer gleich: kommunale Finanznot > Nothaushalte > Kulturfinanznot), sondern eigentlich nur noch um das WER, WO und WIEVIEL.

In diesem Zusammenhang werden Lösungsvorschläge wie Nothilfefonds oder Krisenüberbrückungskredite für die Kultur ins Spiel gebracht, die dann ob ihrer Verfassungskonformität oder Wirksamkeit diskutiert werden. Führt ein Nothilfefonds dazu, dass unsolide haushaltende Kommunen belohnt und genaues Wirtschaften somit bestraft würden? Wie verhindert man, dass Kommunen, die Steuergelder verschwendet haben, Hilfe vom Land oder dem Bund bekommen, statt für schlechte Haushaltspolitik bestraft zu werden. Kommunen, die in der Vergangenheit verantwortungsvoll gerechnet haben, wären nämlich sonst die Angeschmierten.

Wie hilfreich sind Krisenüberbrückungskredite? Wären Theater oder Kommunen jemals in der Lage, solche Überschüsse zu erwirtschaften, dass diese Kredite zurückgezahlt werden können? Im Zweifelsfall gerieten sie in eine Schuldenspirale und landeten in “griechischen Verhältnissen”.

Lesen Sie in diesem Zusammenhang den Artikel aus der FAZ: “Fonds ohne Hüter”. Dort wird am Ende auch ein interessanter Vergleich mit der Weimarer Republik gezogen. Das krisenbedingte Vakuum in der kulturellen Versorgung ermöglichte es radikalen Parteien, in der Bevölkerung für ihre Programme zu werben, indem sie eigene Freizeitangebote bereit stellten. In vielen ländlichen Gebieten versuchen heute wieder rechtsradikale Parteien, Arbeitslosigkeit und Langeweile für sich zu nutzen.

Vielleicht sollten die Bundesländer, in denen zur Zeit Kahlschläge bei der Kultur angekündigt werden, ihre Webseiten schnell den veränderten Realitäten nach dem “Theaternotstand” anpassen. Denn die aktuellen Texte können wohl kaum ernst gemeint sein.

Hier ein Auszug von der Homepage des Landes Nordrhein-Westfalen:
“Wie keine andere Region in Deutschland hat sich Nordrhein-Westfalen in den letzten Jahrzehnten verändert. Wie keine andere Region setzt Nordrhein-Westfalen bei diesem Wandel auf Kultur. (…) Nordrhein-Westfalen hat eine Dichte an Museen, Kulturzentren, Konzerthäusern, Theatern, die ihresgleichen sucht. (…) Kulturell spielt Nordrhein-Westfalen damit in derselben Liga wie London und Paris. (…) Unser kultureller Reichtum ist nicht ererbt, sondern erarbeitet. Das macht die Kultur in Nordrhein-Westfalen zu einem Motor des Wandels.”

Hier die Realität:
“Das System wankt” ein Bericht aus dem Deutschlandradio Kultur mit Live-Mitschnitt zum Anhören
“Kultur-Etats schmelzen dramatisch” aus RuhrNachrichten.de
“Theater machen!” vom Blogform-Projekt Readers Edition

Hier ein Auszug von der Homepage des Landes Schleswig-Holstein:
“Schleswig-Holsteins Kultur ist vielfältig und attraktiv: Sie reicht von Bibliotheken über Museen und Ausstellungen bis zu Theatern, Konzerten und Großveranstaltungen. Die Landesregierung will mit ihrer Kulturpolitik möglichst vielen Menschen Zugang zu Kultur in allen ihren Ausprägungen und Sparten eröffnen. (…) Kulturpolitik in Schleswig-Holstein will die kulturelle Infrastruktur sichern, Kultur generell ermöglichen, also die Voraussetzungen schaffen, unter denen künstlerische Arbeit sich entfalten und entwickeln kann. Unterstützt wird gerade auch das, was es schwer hat, was nicht so leicht angenommen wird, was verkannt wird oder noch zu wenig bekannt ist. (…) Zugleich ist die staatliche Kunst- und Kulturförderung eine Investition in die Zukunft des Landes Schleswig-Holstein. (…) Daneben hat Kulturförderung eine nicht zu unterschätzende Bedeutung als Wirtschafts- und Standortfaktor und als Imageträger für das Land. Unzählige Künstlerinnen und Künstler, Ereignisse und Konzerte schaffen eine einzigartige Atmosphäre im Kulturland Schleswig-Holstein.”

Hier die Realität:
“Demonstration für das Landestheater als solidarisches Zeichen für alle Theaterschaffenden in Schleswig Holstein” aus diesem Blog

Hier ein Auszug von der Homepage des Landes Sachsen-Anhalt:
“Sachsen-Anhalt verfügt über eine bemerkenswerte Kulturlandschaft. (…) So ist für Sachsen-Anhalt eine dichte und kontrastreiche kulturelle Vielfalt charakteristisch. Spannungsreiche Gegensätze zwischen Tradition und Moderne sind mit dem Kulturpotenzial des Landes verbunden. Die Regionen des Landes haben eine spezifische Ausprägung. Beeindruckende Kulturangebote finden sich nicht nur in den 1200-jährigen Städten Halle und Magdeburg oder in Dessau, sondern ebenso in kleineren Ortschaften sowie im ländlichen Raum.”

Hier die Realität:
“Menschentraube gegen Kahlschlag” aus der Mitteldeutschen Zeitung
“Lautstarke Proteste zum Auftakt” aus der Internetzeitung Open-Report
Hier die Homepage der Bürgerinitiative “Land braucht Stadt”

Krisenticker: Die Kulturhauptstadt Essen zerschlägt die Kultur – Betriebsrat befürchtet Schließung des Aalto-Theaters

Barnay, Gründer der GDBADer Spar-Tsunami überrollt Essen. Die Stadtverwaltung Essen mit Oberbürgermeister Reinhard Paß (SPD) an der Spitze stellte am 03.03.2010 ein Sparpaket vor, dass die Existenz der Theater und Philharmonie (TUP) gefährdet (aus Der Westen folgende Artikel: “Essener Bürger müssen erhebliche Sparopfer bringen” + “Sparpaket trifft Theater und Bäder hart” + “Opern-Chef hält Sparziele fürs Musiktheater für unrealistisch” und hier ein Kommentar aus der Sendung WDR 5 Scala, der die Stadt Essen auffordert, die Kulturhauptstadt-Transparente abzuhängen).

weiterlesen

Demonstration für das Landestheater als solidarisches Zeichen für alle Theaterschaffenden in Schleswig Holstein

Barnay, Gründer der GDBA Siegfried Jacobs, Obmann des GDBA Lokalverbands Kiel + stellv. Vorsitzender des Landesverbands Nord hat für dieses Blog einen Bericht über die Demonstration (hier ein Beitrag aus dem Online-Portal der Kieler Nachrichten + hier das Video auf You Tube + hier ein Interview mit dem Intendanten Peter Grisebach auf shz.de) für den Erhalt des Schleswig-Holsteinischen Landestheaters vor dem Kieler Landtag verfasst:

weiterlesen

Krisenticker: Petitionen, Resolutionen, Bürgerbegehren, Demos

Barnay, Gründer der GDBAIm aktuellen Leitartikel der bühnengenossenschaft lässt sich eine ausführliche Analyse des Theaternotstands in deutschen Landen nachlesen. Auch in diesem Blog gab es mehrere Beiträge (hier, hier und hier) zum Thema. Damit alle interessierten/geschockten/besorgten LeserInnen nicht den Überblick verlieren, wird im Folgenden eine Übersicht der Petitionen, Bürgerbegehren und Demonstrationen aufgezeigt, die Gelegenheit zur aktiven Protestäußerung bieten:

weiterlesen

Freischaffende aufgepasst: Private Pleiten!

Barnay, Gründer der GDBANicht nur die Stadttheater geraten aktuell unter Druck. Viele Privatveranstalter und Musical-Spielstätten werden Opfer der allgemeinen Krisenstimmung und müssen schließen. Freischaffende BühnenkünstlerInnen sind dadurch direkt oder indirekt betroffen, weil sie in den entsprechenden Shows arbeiten oder weil zukünftig wohl weniger Unterhaltungsshows aufgrund des gestiegenen Risikos produziert werden.

weiterlesen